Die Seelzer Pastoren vom Mittelalter bis heute

von Matthias Hoyer

 

Der erste Seelzer Pastor, von dem wir verlässlich wissen, wird in einer Wunstorfer Urkunde im Jahr 1248 als Zeuge eines Rechtsgeschäftes genannt: Pfarrer Reinhard aus Seelze. (Zu dieser Zeit war es noch nicht üblich, dass Nichtadelige einen Nach- oder Familiennamen führten, daher wurde dem Rufnamen zumeist der Herkunftsort beigefügt, um Verwechselungen zu vermeiden.) Urkunden aus den Jahren 1276 und 1277 nennen Reinhard wiederum als Seelzer Pfarrer, der anscheinend über intensive Beziehungen zum Bischof von Minden (seinem „Vorgesetzten“) verfügte, denn er wird hier auch als Mitglied des Mindener Domkapitels und des bischöflichen Stuhls bezeichnet. Zu Zeiten von Pastor Reinhard ist mutmaßlich jene Mechthild von Lona gestorben, an die heute noch ein Grabstein außen in der Ostwand der Kirche erinnert.

Erst 1358 erfahren wir aus einer Urkunde von einem weiteren Pastor in Seelze: Berthold von Godenstedt. (Das „von“ G. ist nicht als Adelsprädikat zu verstehen, sondern bezeichnet lediglich die Herkunft des Berthold: aus Godenstedt – evtl. Godenstedt bei Bremervörde.) Berthold wird auch 1367 noch als Seelzer Pfarrer erwähnt. In seine Amtszeit, vielleicht aber auch in die seines uns nicht bekannten Nachfolgers fällt der Lüneburger Erbfolgestreit des Jahres 1385, eine Fehde innerhalb des Welfenhauses. Im Zuge der Auseinandersetzungen ist in jenem Jahr das Dorf Gümmer mitsamt einer damals schon vorhandenen Kapelle ausgeplündert und abgebrannt; auch die Seelzer Kirche hat erheblichen Schaden genommen, dessen Ausmaß aber unklar bleibt.

Die nächste Urkunde, die von einem Pastor in Seelze zeugt, ist 1476 datiert und nennt einen Dietrich (Diderik) als „Kerkher to Zelse“. Möglicherweise in seiner Amtszeit, eventuell unter seinem Nachfolger wird 1493 eine Sakristei an die alte Seelzer Kirche angebaut. Einige Jahre später, 1508, wird in Gümmer eine neue Kapelle errichtet, die bis heute kirchlich genutzt wird. Diese Kapelle überstand auch die Heimsuchungen, unter denen das Calenberger Land während der Hildesheimer Stiftsfehde (1519 bis 1523) zu leiden hatte. Letter, Harenberg, Seelze, Lohnde und Gümmer sollen in diesen Jahren zu großen Teilen verwüstet worden sein.

Noch einmal müssen wir einige Jahrzehnte überbrücken, bis uns 1538 Bernd Rodewald (Berend Rodenwold) als letzter katholischer Seelzer Pfarrer vor der Reformation begegnet. Wann er nach Seelze gekommen ist, erfahren wir nicht. Als 1542/43 im Fürstentum Calenberg die Reformation durchgeführt wurde, blieb Rodewald - ob freudig oder unwillig, wissen wir nicht - im Amt, wurde Lutheraner und hatte die Seelzer Pfarre danach noch zwanzig Jahre lang inne.

Sein Nachfolger von 1563 bis zu seinem Tod 1569 war Georg Habermann, der zuvor Klosteramtmann in Marienwerder gewesen war.

1569 bis 1574 war Heinrich Woldecke Pastor in Seelze, nachdem er schon „Mercenarius“ (Lohndiener) seines Vorgängers gewesen war, also wohl dessen Aufgaben oder Teile davon gegen Entlohnung wahrgenommen hatte. (Es wird sich hier wohl um den gleichen Status handeln, den später die Adjunkten hatten.)

Pastor adj. (=adjunctus) bedeutet etwa Gehilfe. In früher Zeit war dies der Gehilfe eines alten Pastors, der sich zumeist mit einem geringen „Gehalt“ zufriedengeben musste, welches er vom Stelleninhaber aus dessen Einkünften erhielt. Der Adjunkt konnte dann in der Regel die Stelle seines verstorbenen Vorgängers übernehmen.

Woldeckes Nachfolger im Seelzer Pfarrhof wurde Heinrich Rysmann von 1574 bis 1592. Von ihm wissen wir, daß er 1532 in Neustadt geboren und vor seiner Seelzer Tätigkeit dort Kaplan gewesen war. Auf sein Betreiben hin wurde 1583 ein neues Pfarrhaus gebaut.

1592 folgte ihm Ludolph Weideburg im Amt. 1562 in Ricklingen geboren, war er, wie sein Vorgänger, zunächst Kaplan in Neustadt gewesen, dann bis zur Übernahme der Pfarre Schulmeister an der Seelzer Kirchspielschule. 1597 sorgte er für eine kostspielige Orgelrenovierung und wurde 1601 Superintendent in Neustadt, wo er 1642 starb.

Von 1601 an war Johannes Hardwig aus Quedlinburg Pastor in Seelze. Vorher war er Schulrektor in Wolfenbüttel gewesen. 1616 wurde auf seine Veranlassung ein besonderer Pfarrwitwenstuhl in der Kirche errichtet. Hardwig starb im November 1623.

Der erste (und bislang einzige) Seelzer Pastor, der aus der Pfarrgemeinde selbst stammte, war der Bauernsohn Johannes Giesecke aus Lohnde. Bevor er die Seelzer Pfarre 1623 übernehmen konnte, war er erst Schulmeister in Seelze, dann Pastor im Kloster Marienwerder gewesen. Er starb 1636 in Seelze.

Johannes Hollenberg, 1597 in  Lieme (Westfalen) geboren, Schulmeister in Hannover und dann in Seelze, schließlich Pastor adj.) für Giesecke, wurde 1636 dessen Nachfolger. Während der Amtszeiten von Pastor Giesecke und Pastor Hollenberg hatte Seelze (und damit auch Pfarrhof und Kirche) zeitweilig beträchtlich unter den Bedrückungen des Dreißigjährigen Krieges zu leiden (ausführlich dargestellt in Heft 9 der Seelzer Geschichtsblätter, Seelze 1994).

Hollenberg wurde 1668 ein Adjunkt) zur Seite gestellt, der seine Aufgaben übernahm: Heinrich Julius Altermann aus Wolfenbüttel, der zuvor Kaplan in Pattensen gewesen war. Nach Hollenbergs Tod 1671 wurde er auch formal dessen Nachfolger. In Altermanns Amtszeit mußte 1696 der baufällige Kirchturm mit großem Aufwand ausgebessert werden. Bis zu seinem Tod im November 1700 blieb Altermann Pastor in Seelze. Ihm fiel die schwere Aufgabe zu, die Gemeinde nach dem allgemeinen Sittenverfall im Dreißigjährigen Krieg wieder zu stabilisieren, was ihm anscheinend gut gelang.

1701 bis 1712 war Johann Joachim Dannenberg aus Hannover Seelzer Pfarrherr. Zuvor war er Feldprediger und dann Pastor in Hevensen (Northeim) gewesen. 1703 konnte er ein neu erbautes Pfarrhaus beziehen. 1706 wurde in der damaligen Kirche ein Erbbegräbnis derer von Hugo (seit 1704 Gutsbesitzer in Seelze) angelegt.

Mit Dannenbergs frühem Tod im Jahr 1712 war die Pfarre wieder vakant geworden, und 1713 wurde der 1672 in Einbeck geborene Andreas Julius Berkelmann neuer Stelleninhaber. Auch er war vorher Feldprediger gewesen und blieb bis zu seinem Tod im Februar 1755 Pastor in Seelze. Zu seiner Zeit (1735) wurde  in Letter die dritte Kapelle im Kirchspiel (nach Harenberg und Gümmer) errichtet.

Seit 1751 hatte Berkelmann einen Adjunkten gehabt, der für den über Achtzigjährigen die ganze Arbeit erledigt hatte und nun sein Nachfolger wurde: Ludwig Christian Mensching, 1716 in Helstorf (Neustadt) geboren. Bevor er nach Seelze kam, war er Pastor coll.) an der hannoverschen Marktkirche gewesen. Nach dreißigjährigem Wirken in Seelze starb er im März 1781. Zu Beginn seiner Seelzer Zeit musste Pastor Mensching im Sommer 1755 erleben, dass ein Großbrand das halbe Dorf mitsamt Kirche und Pfarrhof in Schutt und Asche legte. Beim Wiederaufbau hat er sich große Verdienste erworben.

Pastor coll. (=collaborator) bedeutet etwa Mitarbeiter, und zwar in einer dem Stelleninhaber nachgeordneten Position bei deutlich geringerer Vergütung.

Der bereits 57jährige Wilhelm Johann Julius Hoppenstedt wurde 1781 Menschings Nachfolger. Nach dem Junggesellen Mensching bezog nun eine Familie mit zehn Kindern das 1756 neu erbaute Pfarrhaus. Hoppenstedt stammte aus Braunschweig, war zunächst Pastor in Sülfelde (Celle) und dann neunzehn Jahre lang in Groß Schwülper (Gifhorn) gewesen. Bevor er nach Seelze kam, war er noch fünf Jahre lang in der Gartenkirchengemeinde in Hannover tätig gewesen. Hoppenstedt konnte noch sieben Jahre in Seelze wirken, kränkelte aber bald und verstarb im September 1788.

Sein Nachfolger, der 1741 in Clausthal (Harz) geborene Gottfried Justus Frankenfeld, war bis zu seinem Amtsantritt in Seelze im Jahr 1789 zunächst Interimsprediger an St. Johannis in Göttingen und dann Pastor in Döhren (Hannover) gewesen. 1797 wurde er der erste Superintendent der nach Teilung der Inspektion Wunstorf neu eingerichteten Inspektion Seelze mit den Kirchspielen Seelze, Kirchwehren, Dedensen, Marienwerder, (Schloß) Ricklingen, Horst und Osterwald. Frankenfeld blieb in Seelze bis zu seinem Tod nach einem Schlaganfall im Oktober 1808.

1809 bis 1811 führte Heinrich Justus Schnehage die Amtsgeschäfte des Seelzer Pastors, jedoch nicht als regulärer Stelleninhaber, sondern als Interimsprediger. Er war 1776 in Eimbeckhausen (Deister) geboren und zuletzt Inspektor am Lehrerseminar Hannover gewesen. Nachdem er Seelze wieder verlassen hatte, wurde er Pastor in Westen (Hoya), später Superintendent in Sulingen und schließlich in Mandelsloh, wo er 1843 verstarb.

Erst Anfang 1811 wurden Pfarre und Inspektion Seelze also wieder regulär vergeben, und zwar an den 1766 in Hannover geborenen Friedrich Wilhelm Jesse, der vorher Inspektor am Lehrerseminar Hannover, Pastor in Westen (Hoya) und schließlich Sup. adj. in Hoya gewesen war. Er verließ Seelze 1819, um Superintendent in Hohnstedt (Göttingen) zu werden, wo er 1847 starb. Die Amtszeiten von Sup. Frankenfeld, Pastor Schnehage und Sup. Jesse fielen in die „Franzosenzeit“, in der auch Seelze unter napoleonischer Besatzung und immensen Kriegssondersteuern litt.

Der bereits 63jährige Johann Bernhard Gottfried Osann übernahm 1819 Pfarre und Inspektion Seelze. Zuvor war er Pastor in Adelebsen und in Rosdorf (Göttingen) und schließlich Superintendent in Zellerfeld gewesen. Er konnte hier 1832 sein 50jähriges Amtsjubiläum feiern und blieb in Seelze bis zu seinem Tod im Dezember 1835, wonach die Stelle ein gutes Jahr lang vakant blieb. (Das bei Superintendenten damals übliches „Gnadenjahr“, in dem die Einkünfte der Stelle an die Hinterbliebenen flossen. Es gab ja noch keine Altersversorgung, Witwenrente o.ä.)

Zum 50jährigen Amtsjubiläum von Sup. Osann wurde zwischen der Hofeinfahrt des Pfarrhofes und der Pfarrscheune eine Eiche gepflanzt, die aber bereits in den 1920er Jahren gefällt worden ist.

Im März 1837 wurde Johann Bernhard Ludwig Petrosilius neuer Seelzer Superintendent. 1784 in Uetze geboren, war er zunächst Pastor in Wathlingen (Celle) und dann Osanns Nachfolger als Superintendent in Zellerfeld gewesen. Nach nur gut dreijähriger Amtszeit in Seelze starb Petrosilius schon 1840, und Seelze bekam erneut einen Interimspastor. Der 1808 in Dedensen geborene Friedrich Heinrich Wilhelm Schreiber führte die Amtsgeschäfte des Pfarrers etwa ein Jahr lang, danach wurde er Pastor in Afferde und später in Kirchohsen (Hameln).

Neuer Superintendent und damit eigentlicher Nachfolger Petrosilius’ wurde 1841 Heinrich Philipp Hermann Habenicht, 1798 in Dankelshausen (Münden) geboren und bis 1841 Pastor in Dudensen (Neustadt). Habenicht war der fünfte und letzte Seelzer Superintendent, denn die Inspektion wurde 1869 im Rahmen einer großflächigen Umstrukturierung aufgelöst, für das Kirchspiel Seelze war künftig der Superintendent in Limmer zuständig. Da es seit 1873 eine Art Pensionskasse gab, konnte Habenicht Ende 1878 mit achtzig Jahren in den Ruhestand treten; sein Nachfolger mußte ihm allerdings bis zu seinem Tod (1888) noch gut 1000 Mark jährlich von den Einkünften der Seelzer Pfarre abgeben.

In die Amtszeiten der Superintendenten Osann, Petrosilius und Habe nicht fielen die großen Agrarreformen mit der ersten umfassenden Flurbereinigung, gefolgt vom Eisenbahnbau (1847). 1859 wurde vor dem Dorfe an der Chaussee ein neuer Friedhof angelegt; 1866 wurde das Königreich Hannover von Preußen annektiert. Unter Habenicht erhielt die Seelzer Kirche 1865 eine Heizung (zwei Öfen), und 1868 einen Dielenfußboden. 1874 wurden die Außenwände verputzt und 1876 die Kirchturmspitze gebaut.

Habenichts Nachfolger war ab 1879 Heinrich Wilhelm Louis Rabius, 1831 in Brink (Langenhagen) geboren. Er war zunächst Taubstummenlehrer in Hildesheim gewesen, dann Pastor in Mehle/Elze (Alfeld). Nach 23 Dienstjahren in Seelze ging er Ende 1902 in den Ruhestand und starb im Jahr 1908. In Rabius’ Amtszeit begann in Seelze und Letter der Wandel vom Bauerndorf zum Industrieort, verbunden mit erheblichen gesellschaftlichen Veränderungen und Konflikten. 1882/83 wurde in Harenberg eine neue Kapelle gebaut, 1889 erhielt die Seelzer Kirche eine neue Orgel.

Nach Rabius’ Pensionierung zog der 1862 in Gifhorn geborene Pastor Heinrich Gustav Adolf Baseler in das Seelzer Pfarrhaus. Seine Laufbahn als Seelsorger hatte er 1888 als Pastor coll. an der Dreifaltigkeitskirche in Hannover begonnen, war 1889 Pfarrer in Didderse (Gifhorn) geworden, um schließlich vom April 1903 bis zu seiner Pensionierung im Oktober 1931 in Seelze zu wirken. Anschließend zog er nach Osterholz-Scharmbek und starb im Juni 1940. In Pastor Baselers Amtszeit wuchsen Seelze und Letter weiter mit ungeheueren Zuwachsraten, und die Industriearbeiterschaft wurde zu einem schwerwiegenden Konfliktpotential. Die ev.-luth. Kirche verlor an gesellschaftlichem Einfluss.

1905 wurde ein Kirchenchor gegründet, und zusammen mit dem Vaterländischen Frauenverein (später DRK) wurde eine Gemeindeschwester angestellt. Seit 1910 wurden Kindergottesdienste mit Laienhelfern gefeiert, und ab 1911 gab es einen kostenlos verteilten Gemeindebrief („Kirchlicher Anzeiger“) mit einer Auflage von 1400 Stück. 1912 wurde die Pfarrscheune zum Gemeindehaus umgebaut, und in der Kirche wurde elektrisches Licht installiert. Im September 1913 wurde in Seelze die katholische Dreifaltigkeitskirche geweiht. August 1914 bis November 1918: Weltkrieg – Bittgottesdienste, Todesnachrichten, Sammlungen, Hilfe für Kriegsversehrte ... 1922/23: Inflation mit dramatischen Folgen für das Pfarrvermögen, aus dem die Einkünfte des Pastors flossen. Bis dahin war Seelze stets eine der besser dotierten Pfarrstellen gewesen, das war nun vorbei. 1928 wurden die Aufgaben des Küsters durch ein elektrisches Läutewerk erleichtert.

Letzter Seelzer Pastor in unserem Berichtszeitraum war Friedrich Wilhelm Pabst. 1884 als Sohn eines Missionspredigers in Südwest-Afrika („Deutsch Südwest“) geboren, doch schon seit 1892 in Deutschland, war er zunächst Pastor in zwei schlesischen Gemeinden und dann zwei Jahre Gefängnispfarrer in Hannover gewesen, bevor er im Juli 1932 nach Seelze kam. Er blieb bis 1952 und ging dann nach Landringhausen. Pabst fiel die schwere Aufgabe zu, der Kirchengemeinde in der Zeit des Nationalsozialismus eine auf der christlichen Botschaft basierende Orientierung zu bewahren. Als Mitglied der „Glaubensbewegung Deutsche Christen“ hatte er von dieser Aufgabe vermutlich ein Verständnis, das den meisten Nachgeborenen heute fremd und unverständlich erscheint. Pabst war zwar kein Mitglied der NSDAP, seine Sympathie - wie die so vieler Menschen - galt aber wohl einem Versprechen der Nazis, welches sie lange Zeit auch zu halten schienen und das damals fast die gesamte Bevölkerung in Hitlers Bann zog: Deutschland wieder groß und stark zu machen.

Ab 1933 wurde in Seelze regelmäßig die Goldene Konfirmation gefeiert. 1934 wurde die Kirche einer Innenrenovierung unterzogen, wobei man sich die Möglichkeiten der sog. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zunutze machte. Bei dieser Gelegenheit wurden auch die Kirchenbänke in neuer Ordnung aufgestellt, wobei ein Mittelgang freigehalten wurde. Außerdem wurde die Orgel elektrifiziert. 1938 baute die politische Gemeinde eine Friedhofskapelle.

Die Pfarr-Collaboratoren

Um die Wende zum 20. Jahrhundert, als die einsetzende Industrialisierung die Bevölkerung in Seelze und Letter sprunghaft anwachsenließ, wurden erstmals sogenannte Pfarr-Collaboratoren (Pastor coll.) im Seelzer Kirchspiel eingesetzt, da für eine wünschenswerte zweite Pfarrstelle das Geld nicht reichte. Auf solche Collaboratorenstellen wurden meist junge Pastoren gesetzt, die dann alsbald nach einer richtigen Pfarrstelle strebten und daher meist nur kurz hier blieben. Im Laufe der Jahre kristallisierte sich immer deutlicher eine besondere Zuständigkeit der Collaboratoren für das wachsende Dorf Letter heraus, das 1938 bereits mehr Einwohner hatte als Seelze. Folgende Pastoren hatten die Stelle des Pastor coll. inne:

1897 bis April 1903 Theodor Meyer

1904 bis 1910 Ernst Wilhelm Schmidt

1910 bis 1913 Arnold Möller

1913 bis 1914 Karl Tribian

1914 August Manecke

1914 bis 1924 Dr. Friedrich Karl Parpert

1924 bis 1927 Franz Georg Honig

1928 bis 1931 Rolf Gerhard Meyer

1931 bis 1933 Friedrich Schulze

1933 bis 1934 Hans Heinrich Kronenberg

1934 bis 1937 Heinrich Dreyer

1937 bis 1939 Kurt Stallbaum.

Zweite Pfarrstelle 1939 - 1946

Pastor coll. Kronenberg war der erste, der 1933 seinen Wohnsitz in Letter nahm, 1939 erhielt Seelze schließlich eine zweite reguläre Pfarrstelle mit Amtssitz in Letter. Sie wurde mit dem 1909 in Magdeburg geborenen Kurt Stallbaum besetzt, der sie bis 1946 innehatte. Sodann wurde die ev.-luth. Kirchengemeinde Letter selbständig, Pastor Stallbaum wurde ihr erster Gemeindepfarrer. Nachdem er 1949 als Superintendent nach Ronnenberg berufen worden war, starb er schon 1957, erst 48 Jahre alt. (Zur Geschichte der ev.-luth. Kirchengemeinde Letter siehe von Heinrich Tiefuhr „50 Jahre St. Michael in Letter“, Seelzer Geschichtsblätter, Seelze 1996.)

Zweite Pfarrstelle ab 1949

Auch ohne Letter war das Kirchspiel noch immer ungeheuer groß. Durch die vielen Flüchtlinge und Vertriebenen lebten 1946 rund 11.500 evangelische Christen in den sechs Orten des Kirchspiels. Pastor Pabst wurde deshalb zur Entlastung zunächst noch einmal ein Pfarrer zur Aushilfe  geschickt. 1949 wurde dann wiederum eine zweite ordentliche Pfarrstelle eingerichtet. In den folgenden Jahrzehnten hatte Seelze nun immer zwei, einige Zeit sogar drei Pfarrer gleichzeitig und außerdem einen Diakon. Damit war und ist das Geschehen in der Gemeinde nicht mehr vorrangig von einer Person geprägt.

Pastor Joachim Behrens, 1914 in Krotoschin in der damaligen Provinz Posen geboren, kam im Januar 1949 nach Seelze und ging 30 Jahre später, 1979, in den Ruhestand. Seine erste Pfarrstelle hatte er in den schlesischen Dörfern Reibnitz und Berthelsdorf innegehabt. Die Vertriebenen dieser Ortschaften sammelte er  in den folgenden Jahrzehnten auch zu jährlichen Heimattreffen in Seelze. Ein besonderes Verdienst von Pastor Behrens ist, daß er Gemeindemitglieder gewann und ausbildete, selbständig Gottesdienste und Predigten zu halten. Für die Ausbildung von Lektoren und Prädikanten erhielt P. Behrens 1956 auch einen Lehrauftrag der Landeskirche. Eine Zeitlang lebte er eine hochkirchliche Prägung mit Ohrenbeichte, Meßdienern und anderen liturgischen Besonderheiten. Dieser Tendenz entsprach es gewiss auch, dass in Seelze jeden Sonntag im Gottesdienst das Abendmahl gefeiert wird, was ungewöhnlich ist für protestantische Kirchen. In Behrens’ Amtszeit und gewiss von ihm initiiert fielen etliche Baumaßnahmen. 1961 wurde das alte Gemeindehaus abgerissen und mit dem Bau des neuen begonnen, welches zum 1. Advent 1962 eingeweiht werden konnte. Ebenfalls 1961 wurde mit dem Bau des zweiten Pfarrhauses und der Lohnder Kirche begonnen. Von 1964 bis 1966 wurde die Seelzer Kirche grundlegend renoviert, wobei auch der Altarraum und die Bestuhlung erneuert wurden.

In den 30 Jahren seines Wirkens in Seelze war Pastor Behrens gewiss die prägende Gestalt für die kirchlichen Mitarbeiter; dass dies auch Schattenseiten hatte, zeigt ein Spitzname, der ihm anhing: der Fürstbischof von Seelze.

1953 kam der 1902 in Berlin geborene Kurt Jagdmann aus Frille (Minden) nach Seelze. Er teilte sich die Arbeit mit Pastor Behrens, z.B. leiteten sie den Kindergottesdienst jahresweise umschichtig. Pastor Jagdmann war besonders für die Außendörfer zuständig, wovon am Schluss nur noch Lohnde übriggeblieben war. Im Mai 1970 ging er in den Ruhestand und zog nach Dünne (Herford), wo er 1975 verstarb.

Als Pastor Behrens 1956 den Lehrauftrag zur Ausbildung der Laienprediger erhielt, forderte die Kirchengemeinde, dass für die dadurch entfallende Arbeitskraft ein Ersatz geschaffen werden müsse.  So kam im April 1956 Pfarrdiakon Alfred Schröder. 1885 in Ostpreußen geboren, 1945 vertrieben und nach dem Gut Dunau verschlagen, war er bereits über 70 und eigentlich längst im Ruhestand. Pastor Schröder, wie er allgemein genannt wurde, hat in der Gemeinde viele Besuche gemacht, und seine Güte und Wärme haben ihm die Herzen der Menschen gewonnen. In Gesprächen über Pastor Schröder mit denen, die ihn gekannt und erlebt haben, entsteht oft der Eindruck, dass er in den 50er/60er Jahren der Pastor gewesen ist, den die Menschen hier am meisten geliebt haben. In der Erinnerung der Seelzer wird ihm oft das neue Pfarrhaus zugeschrieben. Er hatte sich durch eine Mitfinanzierung von 20.000 DM ein Wohnrecht auf Lebenszeit in der Einliegerwohnung des Hauses erwirkt. Im Februar 1974 ist er verstorben.

1964  kam Walter Rudnik (*1926) als dritter Pastor nach Seelze. Er blieb nur für kurze Zeit hier, wie in den nächsten zehn Jahren die meisten Pastoren, die neben Pastor Behrens wirkten. 1968 ging er nach Schloß Ricklingen und später nach Bad Nenndorf, wo er 1988 in den Ruhestand trat.

Für einen Zeitraum von nur neun Monaten war Uwe Reibe 1970/71 der Dritte im Bunde; anschließend ging er für neun Jahre nach Letter.

Als Pastor Kurt Jagdmann 1970 in den Ruhestand gegangen war, wurde seine Stelle im selben Jahr von Jürgen Schlömann (*1937) übernommen. Im Oktober 1972 wurde er nach Stöcken-Ledeburg versetzt. Seit 1980 ist er aus Gesundheitsgründen vorzeitig pensioniert.

Nachfolger von Pastor Reibe auf der dritten Pfarrstelle wurde 1971 Hans-Jürgen Klages (*1941). Auch er war nur für 2½ Jahre bis zum Mai 1974 in Seelze. Dann ging er zunächst nach Kleinborstel bei Hameln und ist heute Inselpastor auf Borkum.

Jürgen Rosenkranz (*1945) kam im August 1973 für genau sechs Jahre als Pastor nach Seelze. Anschließend ging  er nach Ostermunzel und seit 1991 ist er Pfarrer in Bad Nenndorf.

Mit dem 1948 in Ahlem geborenen Friedrich Glander kam im August 1975 endlich wieder einmal ein Pastor nach Seelze, der über einen längeren Zeitraum hier blieb. Es war Glanders erste Pfarrstelle. Er war der letzte Seelzer Pastor, der offiziell auch für Lohnde zuständig war. Vom März 1977 bis zum Januar 1990 führte er den Vorsitz des Kirchenvorstandes und vertrat die Kirchengemeinde in vielen Gremien der Kirche und der Jugendarbeit. Er initiierte die Teestube im Jugendkeller, führte Jugendfreizeiten durch und engagierte sich in diversen Jugendgremien. Friedrich Glander fühlte sich ganz dem Ort, seinen Organisationen und Menschen verbunden, so dass er im Januar 1991 Seelze nur schweren Herzens verließ, um eine Aufgabe zu übernehmen, die ihm schon als Student am Herzen gelegen hatte, nämlich die Betreuung von Jugendlichen im Annastift in Hannover.

Ab 1979 hatte Seelze nur noch zwei Pfarrstellen. Die dritte war nach Lohnde abgegeben worden. Für ein Jahr hatte Friedrich Glander die Gemeinde alleine betreut, als im August 1980 Matthias Hoyer (*1952 in Leipzig) nach Seelze kam. Nach seinem Studium war er für die Probezeit Pastor in Barnstorf (Diepholz) gewesen. Er engagierte sich in der Jugendarbeit, im Kindergottesdienst, und versuchte mit Elan, neuen Gottesdienstformen Raum zu geben. Die Verantwortung für den Kindergarten lag über elf Jahre in seiner Hand. Seinem Engagement verdankt die Gemeinde die Erhaltung und Sanierung des alten Pfarrhauses, welches er seit der Fertigstellung 1986 auch bewohnt. 1990 übernahm er von P. Glander den Vorsitz des Kirchenvorstandes. In seine Amtszeit fiel die dritte Renovierung der Kirche in diesem Jahrhundert und ebenfalls die dritte Überarbeitung der Orgel. Derzeit (Ende 1997) ist Matthias Hoyer noch immer Pastor in Seelze.

Auf Friedrich Glander folgte im Februar 1991 für drei Jahre mit Dorothea Haspelmath-Finatti (*1961) die erste Frau auf einer Seelzer Pfarrstelle. Nach Abschluss der Probezeit bewarb sie sich nach Twistringen (Syke) und verließ Seelze im Mai 1994.

Ihr Nachfolger wurde Thomas Pfitzinger-Drewes (*1961 in Walsrode). Im Oktober 1994 wurde er in Seelze eingeführt. Die Personaleinsparungen der Landeskirche führten aber schon wenige Monate nach seinem Amtsantritt dazu, dass er zunächst die Vakanzvertretung in der Nachbargemeinde Lohnde mit übernehmen musste, um dann ab Oktober 1996 neben seinen Aufgaben in Seelze auch Pastor in Lohnde zu sein. Bevor er nach Seelze kam, hatte er drei Jahre lang erste Erfahrungen als Pastor in Bremerhaven gesammelt. Bis Ende 1997 war er Pastor in Seelze und in Lohnde.