Eine neue Schlageuhr und fast eine neue Kirchturmspitze

Geldprobleme der Kirchengemeinde im 18. Jahrhundert

von Norbert Saul

 

Eine Schlageuhr am Kirchturm war früher eine wichtige Sache. Wer hatte schon eine eigene Uhr? Und wenn, dann wurde sie wohl nur zum Sonntagsstaat getragen.

Die 1755 abgebrannte Kirche hatte eine Schlageuhr gehabt, ärgerlicherweise sogar eine ganz neue, erst 1749 angeschafft. Der direkte Nutzen einer Kirchturmuhr beschränkte sich natürlich auf das Kirchdorf Seelze, die sechs Außendörfer des Kirchspiels hatten nichts davon. Also wollten sie auch nichts dazu bezahlen, als nach dem Brand eine neue Uhr gekauft werden sollte. Den Seelzern blieb nichts anderes übrig, als die Kosten allein aufzubringen, und das zog sich bis 1790 hin.

Nun war die Uhr angeschafft – aber wo sollte sie angebracht werden? Pastor Frankenfeld meinte, man solle die Gelegenheit nutzen, dem Turm eine neue Spitze aufzusetzen und dabei gleich die Uhr einbauen. Das wäre zwar wesentlich teurer gewesen als die Anbringung der Uhr am vorhandenen Turmstumpf, der Pastor machte aber den Vorschlag, die Hälfte der Kosten aus dem Kirchenvermögen zu nehmen; die andere Hälfte sollte freilich die Gemeinde aufbringen. Dieses Ansinnen unterstützte auch der Wunstorfer Superintendent Lüder.

In dieser Sache nun standen nicht - wie bei der Finanzierung der Uhr - die Bauern der sechs Außendörfer gegen die Seelzer, sondern diesmal alle sieben Dörfer gegen Pastor und Superintendenten. Allenthalben sollten sie Geld für die Kirche aufbringen, zum Beispiel 40 Taler jährlich für die Miete der Witwe von Pastor Hoppenstedt, was ihnen viel zu hoch erschien. Da wollten sie lieber wieder ein Pfarrwitwenhaus bauen, das erschien ihnen vordringlicher als eine neue Turmspitze (denn wer wußte, wie lange die Witwe Hoppenstedt noch leben würde). Aber für das Pfarrwitwenhaus fehlte ein akzeptabler Bauplatz, und so wurde nichts daraus. Der Witwe Hoppenstedt lag man so lange in den Ohren, bis sie sich mit 30 Talern jährlich begnügte – ein schöner Erfolg.

Und die Turmspitze? Vielleicht hätte man sich noch einigen können, wenn nicht der Superintendent auf einer aufwendigen achtseitigen, schlanken Spitze statt eines einfachen vierseitigen Spitzdaches beharrt hätte. Diese Variante hätte die Baukosten auf rund 800 Taler erhöht, und die Bauern von Letter und Harenberg weigerten sich nun rundheraus, sich an der Aufbringung der Kosten zu beteiligen. Damit war das Projekt Turmspitze gestorben, und die Schlageuhr wurde 1796, sechs Jahre nach ihrer Fertigstellung, unter dem stumpfen Turmdach angebracht.

Als achtzig Jahre später die neue Turmspitze für 17000 Mark gebaut wurde, war übrigens von einer finanziellen Beteiligung der Gemeinde keine Rede mehr, das Geld wurde aus der inzwischen prall gefüllten Kirchenkasse genommen.